Im Vergleich: Bordeaux 2009 und 2010

In diesen Tagen wird mit 2010 der zweite große Jahrgang in Folge ausgeliefert. Nach Parkers Neubewertung vor zwei Wochen ist das Interesse am aktuellen Jahrgang riesig – das Fine Wine Portal Liv-ex verzeichnet ein sprunghaft gestiegenes Handelsvolumen für den 2010er, der mit derzeit 13% Anteil nur knapp hinter dem 2009er liegt. Die beiden Jahrgänge stilistisch zu vergleichen ist wie die Wahl zwischen Barock und Romanik. 2009, das ist Fülle, Reichhaltigkeit und seidenweiches Tannin – viele Weine sind schon jung gut zu trinken.  2010 dagegen präsentiert sich strukturiert und asketisch. Einer der tanninreichsten Jahrgänge in der Geschichte Bordeaux’s wird unsere Geduld auf eine harte Probe stellen und seine volle Schönheit erst in vielen Jahren zeigen.

Der Wetterverlauf

Beide Jahrgänge sind ein Spiegelbild der Wetterbedingungen. Perfekte Reifebedingungen im Sommer 2009 resultierten in einer gemächlichen und gleichmäßigen Reife der Trauben. Ein perfekter Herbst sorgte für zusätzliche Konzentration und Fülle. Aufgrund der super Bedingungen im Herbst waren manche Châteaux der Versuchung erlegen, die Lese zu weit hinaus zu zögern. Die Folge: Alkoholwerte, wie man sie bisher selten in Bordeaux gesehen hat. Reife war nicht das Problem in 2009 – die Herausforderung bestand darin, Eleganz und Frische in die Weine zu zaubern.

Die 2010er mit ihrer maskulinen Struktur und Bootsladungen voller Tannin zeigen hingegen ganz klar die Extreme eines heißen und trockenen Sommers, der zu massiver Dehydration in den Trauben führte. Zum Glück gab es dann im August und im September kühlere Temperaturen. Dies resultierte in höheren Säurewerten und ergab damit trotz der enormen Konzentration die Grundlage für balancierte und ausgewogene Weine.

Die Appellationen

Die Unterschiede der beiden Jahrgänge sind erstaunlich konsistent über alle Appellationen, wobei die Unterschiede in Cabernet-dominierten Appellationen der Left Bank geringer sind als in der Right Bank. Einige Weine aus St-Emilion lassen in 2009 die erwähnte Frische und Balance vermissen und kommen eher behäbig und schwerfällig daher. Die nördlichen Appellationen wie St-Estèphe, Pauillac oder St-Julien gehören zu den Gewinnern in beiden Jahrgängen – qualitativ fallen die Unterscheide eher gering aus. Die südlichen Médoc-Appellationen sowie Péssac-Léognan zeigen größere Divergenzen und es ist derzeit weniger klar ersichtlich, welches der größere Jahrgang ist.

Für weißen Bordeaux ist 2010 der klare Gewinner. Die besten Weine zeigen atemberaubende Präzision, Frische und vibrante Frucht – einer der absoluten Topweine, der genau das umsetzt ist Domaine de Chevalier blanc. Dagegen zeigen die Süßwein-Appellationen Sauternes und Barsac in 2009 mehr Komplexität und Dichte.

Neue Stars

Unbestrittener neuer Star in Bordeaux ist Château Pontet-Canet in Pauillac. Seit 1994 hat Alfred Tesseron das Weingut mit einem großartigen Terroir direkt neben Mouton-Rothschild aus dem Dornröschenschlaf geweckt und an die Spitze Bordeaux´s geführt. Krönung der Performance sind sowohl 2009 und 2010, die auf einer Stufe mit den ganz großen Namen in Bordeaux stehen. Léoville-Poyferré hat ebenfalls wieder zu alten Höhen gefunden und in 2009 eine der künftigen Legenden dieses Weinguts produziert. Neben den Prestige-Appellationen zeigen aber mittlerweile auch die Underdogs wie Fronsac oder Côtes de Castillon auf breiter Front, dass sie in Punkto Qualität mehr als mithalten können. Château Moulin-Haut Laroque aus Fronsac steht stellvertretend für diese Châteaux.

Die Preise

Der 2009er war bis dato der teuerste Subskriptionsjahrgang und wurde dann schon nur ein Jahr später vom 2010er getoppt. Die Preise der Elite-Châteaux lagen durchschnittlich um 15% höher im Vergleich zum Vorjahr. Aktuell liegen die Preise für 2009 ja nach Bewertung auf oder über dem Niveau der ebenfalls sehr guten Jahrgänge 2000 oder 2005. Die derzeitigen Preise der 2010er bewegen sich nur geringfügig über den Preisen der Subskriptionskampagne  – Ausnahmen sind Mitglieder des 100 Punkte Clubs wie Pontet Canet, Pape Clement oder Le Dôme. Dies alles trifft natürlich nur für die Top-Châteaux zu – bei den meisten kleineren Weingütern gab es in den letzten Jahren nur geringfügige oder überhaupt keine Preissteigerungen, da diese am Markt schlichtweg nicht durchsetzbar waren. Dieses große Feld der Petits Châteaux ist ein Eldorado für Schatzsucher mit sehr guten Value Weinen.

Der bessere Jahrgang

Beide Jahrgänge folgen der Definition eines großen Jahrgangs. Es ist einer Frage der persönlichen Präferenz: kaufen und trinken oder kaufen und lagern. Die 2009er mit ihrer betörenden und sinnlichen Frucht sind im wörtlichen Sinne unwiderstehlich. Die 2010er tendieren eher zum klassischen Bordeaux mit Weinen, auf die man warten muss. Möglicherweise gibt das in 10 oder 15 Jahren den Ausschlag und der 2010er wird sich als der größere Jahrgang dieses faszinierenden Zwillings erweißen.

Eines gemeinsam haben beide Jahrgänge: Verallgemeinernde Aussagen über die Qualität eines Jahrgangs haben längst ihren Sinn verloren. Einmal mehr wird deutlich, dass der Mensch und Winzer das entscheidende Zünglein an der Waage ist. Auch in Top-Jahrgängen geht die Qualitätsschere weit auseinander und zeigt, wer wirklich den individuellen Charakter eines Jahrgangs versteht und entsprechend im Glas umsetzen kann. Wer das Potential der beiden Jahrgänge nutzte, produzierte Weine, die den Hang zum Außerirdischen haben und wie ein großes Musikstück für einen Moment atemlos machen.

Empfehlungen bis ca. 50 €

2009: Haut-Bages Liberal (Pauillac), Lalande (St-Julien), Moulin-Haut Laroque (Fronsac), Poujeaux (Moulis), Saintayme (St-Emilion), Phélan-Segur (St-Estèphe), Lagrange (St-Julien)

2010: Clos Floridene blanc (Graves), Carbonnieux blanc (Péssac-Léognan), Ferrière (Margaux), Les Ormes-de-Pez (St-Estèphe), Potensac (Médoc), Senéjac (Médoc), Sociando-Mallet (Haut-Médoc), Cantemerle (Haut-Médoc)