Archiv für den Monat: Oktober 2015

Clos de Vougeot

Was prägt einen Wein mehr: Winzer oder Lage? Diese immer wieder spannende Frage stand im Mittelpunkt der Masterclass Clos de Vougeot am letzten Samstag im Gasthof Schopper in Breitenbrunn/ Tirol. Der Clos de Vougeot – mit rd. 50 ha einer der größten Grand Cru Lagen in Burgund – gehört sicher zu den meist diskutierten Lagen unserer Welt. Historisch bedingt wurde die Lage als Ganzes in die Top Liga Burgunds eingestuft – trotz ihrer topographischen und geologischen Heterogenität. Neben der eingangs erwähnten Frage ging es deswegen auch darum, ob man klar einen Zusammenhang zwischen dem Standort der Reben innerhalb des Clos und der Qualität des daraus resultierenden Weines erkennen kann. Einschlägige Meinung in vielen Beschreibungen ist: Die guten (oberen und mittleren Parzellen) ins Töpfchen, die schlechten (unteren Lagen) ins Kröpfchen!  Ein Blick auf Topographie und Boden scheint das auch bestätigen. Der untere Teil an der Route National besitzt aufgrund geringerer Neigung und Bodenstruktur eine schlechtere Wasserabzugsfähigkeit, die sich durchaus qualitätsmindernd auswirken kann. Allerdings gibt es im gesamten Clos auch quer verlaufende kleinere Verwerfungen und Erhöhungen, die für ständige Veränderungen sorgen und einen Hinweis darauf geben, dass es dann doch nicht ganz so einfach ist. Das zeigt sich dann auch im Glas: der 97-iger der Domaine Jean Grivot, deren Lagen sich ausschließlich im unteren Teil befinden, gehörte sicher zu den Highlights der Verkostung. Übereinstimmender Tenor am Schluss der Masterclass: Sensorische Attribute, die mit der Lage verknüpft sind, waren über alle Weine hinweg nicht zu finden. Die Handschrift des Winzers wie Intensität und Dauer der Extraktion, Ganztrauben vs. Entrappen, Art und Größe des Holzes, Dauer des Ausbaus usw. waren deutlich prägender als eventuelle Lagencharakteristiken. Sehr deutlich waren dagegen die Jahrgangsunterschiede zu erkennen und beflügelte die Anhänger, die Klima und Witterungsverlauf sowieso für die entscheidenden stil- und qualitätsprägenden Faktoren halten. Heterogen war am Ende auch die Qualität im Glas – bei einigen Weinen klaffte eine riesige Lücke zwischen Anspruch und Realität.

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Meine persönlichen Favoriten

Domaine Perrot-Minot, Vieilles Vignes 2010 – perfektionistisch gearbeiteter Wein / viel Frucht und Extrakt / feinkörniges Tannin / lang / großes Potential / 2018 – 2035 / 18,5

JJ Confuron 1996 – zeigt sich jetzt mit perfekte Reife / komplex / strukturiert / viel Grip / hält sich / bis 2022 / 18,0

Lucien Le Moine 2006 – expressive Frucht / konzentriert / dicht / moderne Interpretation des Clos / jetzt – 2030 / 18,0

Confuron-Cotetidot 2010 – pure / fokussiert / strukturiert / Bootsladungen voller Tannin / braucht wie immer Zeit / 2020 – 2035 / 17,5

Jean Grivot 1997 (Magnum) – voll ausgereift / soft / texturiert / gute Länge / erstaunlich für 1997 / jetzt trinken / 17,5

Die Schlusslichter

Ponsot, Vieilles Vignes 2004 – Château de la Tour 2008 – Gros, Frère et Soeur, Musigni 2008

L´ Âme de la Savoie

Bei uns einem Vin de Savoie über den Weg zu laufen, passiert wahrscheinlich genauso selten, wie einen Eskimo in der Sahara zu treffen. Weniger als 5% der Weine aus den Savoyen gehen in den Export. Auch für mich war es bisher eine eher flüchtige Bekanntschaft und damit höchste Zeit für eine intensivere Beziehung zu dieser Weinregion im Osten Frankreichs. Kein einfaches Unterfangen – das Weinanbaugebiet der Savoyen ist nämlich kein richtiges zusammenhängendes Gebiet. Es ist ein Patchwork von vielen Gemeinden und einzelnen Weinbergen, die weit verstreut in den Ausläufern der französischen Alpen in der Nähe der Schweizer Grenze liegen. Logischerweise schließt das völlig verschiedene klimatische Bedingungen und Böden ein. Dazu kommen 25 verschiedene, zum Teil nur hier angebaute Rebsorten – und das auf einer Fläche von lediglich 2.100 ha.

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Weinberge im Massif des Bauges

Eines der neueren interessanten Projekte befindet sich in Seyssel, der Schaumweinhauptstadt des Savoie. Georges Siegenthaler – ein Professor im Ruhestand der Uni in Genf – hat hier vor zehn Jahren begonnen, die ersten Weine zu produzieren. Die organisch bewirtschaftete Domaine de Vens Le Haut  ist mittlerweile auf 3 ha angewachsen und konzentriert sich ausschließlich auf lokale Rebsorten. Eine davon ist Altesse, die mit Roussette de Seyssel eine eigene Appellation besitzt. Altesse gehört sicherlich zu den qualitativ interessantesten Rebsorten des Savoie und besitzt ein gutes Entwicklungspotential in der Flasche. Quantitativ nimmt Altesse mit rund 200 ha Anbaufläche aber nur einen Platz auf den mittleren Rängen ein. Auf dem ersten Platz ist mit Jacquére eine wesentlich ertragsstabilere Rebsorte zu finden, die aber bei zu hohen Erträgen nur noch neutrale und säurelastige Weine ergibt. Bei Durchschnittserträgen von rd. 30 hl/ ha produziert Georges Siegenthaler einen Jacquére, der mit seiner Reintönigkeit, floralen Aromen und erfrischender Säure das perfekte Abbild eines Bergweines darstellt und ein hervorragender Begleiter für die Savoyer Küche ist.

Verkostungsmarathon mit Georges Siegenthaler

Verkostungsmarathon mit Georges Siegenthaler

In der Gegend um Chambery befindet sich eine der Hochburgen des Savoie. Zum Teil dramatisch steile Weinberge befinden sich hier an den Abhängen des Massif des Bauges. Einige Dörfer wie Chignin und Cruet besitzen einen Cru Status, der eine höhere Qualität signalisieren soll. Als erstes lernte ich, dass der Familienname Quénard sowas wie der Müller des Savoie ist. Eine unglaubliche Anzahl an Domainen schmückt sich mit diesem Namen; die Kenntnis des Vornamen ist essentiell, um beim richtigen Winzer zu landen. Neben Weißweinen wird hier auch eine Menge an Rotweinen aus der autochthonen Mondeuse Noir, Pinot Noir und Gamay produziert. Die erstere ergibt bei entsprechender Handhabung ehrliche und struktuierte Weine, die mit ihrer Pfeffrigkeit unmissverständlich die Verwandtschaft zu Syrah zeigen. Wie so oft gefallen mir dabei die einfacheren und geradlinigen Weine besser als die Weine, wo mit zuviel Holz der wahre Charakter verloren geht.

Quénard-Konfusion

Quénard-Konfusion

Francois Quénard ist einer wenigen Winzer, welche die ultraseltene Rebsorte Persan im Bestand haben.

Francois Quénard ist einer wenigen Winzer, welche die ultra-seltene Rebsorte Persan im Bestand haben.

In Ayze ist mit Gringet eine der raresten Varietäten des Savoie zu finden. Auf nur noch 40 ha wird diese Rebsorte angebaut, von der man bis vor kurzem dachte, dass sie mit dem Savagnin aus dem Jura verwandt ist. Unangefochtener Star in Ayze ist die Domaine Belluard, die auf knapp 500 m hohen Weinbergen ausdrucksstarke Weine mit hervorragendem Entwicklungspotential produziert. Ein verkosteter 2008er Gringet “Les Alpes” begeisterte mich mit einem Mix aus herber Exotik und ätherischen Noten, messerscharfer Präzision und animierender Säure. Auf dem gleichen Level sind die Weine der Domaine des Ardoisières in Freterive. Die Domaine wurde 1998 von Michel Grisard, einem der Vordenker des biodynamischen Anbaus in den Savoyen, ins Leben gerufen. Kernstück des ehrgeizigen Projektes war die Neuanlage eines aufgegebenen Weinberges, des Spuren sich bis in die Zeit der Römer verfolgen lassen. Die Produktion von rd. 42.000 Flaschen verteilt sich auf fünf Weine, die nach den jeweils vorherrschenden Bodenarten benannt sind. Ungewöhnlich für das sonst eher sortenrein ausgerichtete Savoie ist das Blending der Rebsorten, die in dem jeweiligen Weinberg zu finden sind, so besteht der “Schiste blanc” aus Roussanne, Jacquere, Pinot Gris und Mondeuse Blanche.

Der Mastermind der Domaine des Ardoisières: Brice Omont

Der Mastermind der Domaine des Ardoisières: Brice Omont

Das Ergebnis sind Weine mit einer selten zu findenden Individualität, puristischer Architektur und emotionaler Tiefe. Hier war ich dann endgültig im Savoie angekommen. Es war einer dieser seltenen Glücksmomente, in der man sich sicher ist, einen Wein zu verstehen. Klar und deutlich symbolisierten diese Weine, dass sie untrennbar mit ihrer Herkunft verknüpft sind und spannten den Bogen zu Landschaft und Kultur. Für mich stand in diesem Augenblick fest: Ja, das ist sie – die Seele des Savoie!

Gegenwart trifft Vergangenheit: das Gebiet der Allobrogen wurde 121 v. Chr. in das Römische Reich integriert.

Gegenwart trifft Vergangenheit: das Gebiet der Allobrogen wurde 121 v. Chr. in das Römische Reich integriert.