Archiv für den Monat: April 2016

Burgund 2014 – Chablis und Côte d´Or

Der Jahrgang startete mit perfekten Bedingungen. Das Frühjahr war trocken und warm und führte zu einem zeitigen Austrieb. Dieses Wetter setzte sich mit wenigen Unterbrechungen bis Ende Juni fort und reduzierte wesentlich das Risiko für Pilzkrankheiten. Ende Juni drehte sich das Wetter und damit die Gemütslage der Winzer abrupt. Zunächst fegte am 28. Juni ein Hagelsturm über die Côte d´Or. Betroffen waren davon vor allem die südlichen Gemeinden wie Pommard oder Meursault. Die Kult-Domaine Pierre Morey in Meursault verlor so innerhalb von Minuten über zwei Drittel ihrer Produktion. Der nachfolgende Sommer präsentierte sich kühl und feucht mit Ausnahme einiger weniger heißer Tage im Juli. Diese Bedingungen reduzierten zusätzlich in einigen Gemeinden die Hoffnung auf einen mengenmäßig normalen Jahrgang, den Burgund nach den Mini-Erträgen der letzten Jahre so dringend braucht.

Immerhin verbesserte sich zunehmend das Wetter ab Mitte August und führte letztendlich zu einem trockenen und sonnenreichen Herbst mit perfekten Lesebedingungen. Die Lese startete in den südlichen Regionen wie dem Maconnais ab 8. September; im Großteil der Weinberge an der Côte d´Or und in Chablis legten die Lesemannschaften Mitte September los. Die irregulären Bedingungen sowie die geringen Erträge der Vorjahre führten allerdings dazu, dass in vielen Betrieben zu zeitig gelesen wurde sowie zu hohe Erträge eingebracht wurden. Diese Panikentscheidungen wurden noch durch partiellen Befall mit der Kirschessigfliege (Drosophila Suzukii) potenziert. Die daraus resultierende Sauerfäule erfordert eine strenge Selektion im Weinberg und Keller und reduziert zusätzlich die Erträge. Letztendlich landeten dadurch im Keller viele Trauben, die eine zu geringe psychiologische Reife und Konzentration hatten und damit substanzlose Weine erbrachten.

Die breite Masse der Weißweine zeigt sich zugänglich, mit saftiger Frucht und eher moderaten Entwicklungspotential. Für die Weißweine in der Spitze ist es jedoch ein großer Jahrgang. Sie verbinden Power und Konzentration mit Eleganz und Energie und besitzen aromatische Tiefe. Zweifellos besitzen sie Struktur und Gewicht für eine lange Entwicklung in der Flasche.

Die Rotweine präsentieren sich sehr heterogen. Bei den Pinots ist der Schlüssel zum Jahrgang 2014 Finesse und delikate Frucht. Dementsprechend war moderate Extraktion gefragt. Wer zu viel wollte, wurde mit harten und austrocknenden Weinen bestraft. Dies schließt auch den gekonnten Einsatz von neuen Holz ein – auch hier war weniger oft mehr. Manche Weine zeigten zudem deutlich Zeichen einer übermäßigen Chaptalisierung und wirkten seltsam pappig und diffus. Wie bei den Weißweinen besitzen die besten Vertreter des roten Spektrums in 2014 feinsinnige Frucht und eine fast schwebende Leichtigkeit, ohne es an Tiefgang vermissen zu lassen. Viele der während der Grand Jours de Bourgogne verkosteten Weine in der letzten Märzwoche machten in diesem jugendlichen Stadium schon Spaß. Vielleicht wird es in letzter Konsequenz nicht der langlebigste Jahrgang, aber zwei Jahrzehnte werden die meisten Weine sicherlich vertragen.

Die Preise für die bereits erschienenen 2014er sind relativ stabil und liegen in etwa auf dem Niveau des Jahrgangs 2013. Da mit dem 2015er bereits ein hochstilisierter „Super-Jahrgang“ in den Kellern liegt, besteht auch wenig Sorge, dass sich das in naher Zukunft ändert. Für Liebhaber klassischer Burgunder ist 2014 vielleicht sowieso der stilistisch interessantere Jahrgang. Die bereits verkosteten 2015er ließen deutlicher die Muskeln spielen – wenn auch mit einer tollen Balance und Frische.

Must-haves in 2014 sind die Domainen Perrot-Minot, Anne Gros und Grivot. Knapp dahinter lieferten Betriebe wie Domaine de Montille, Faiveley und Taupenot-Merme eine wirklich überzeugende Kollektion ab. Bei letzterer Domaine ist überhaupt ein starker Aufwärtstrend in den zurückliegenden Jahren zu erkennen. Verglichen mit vielen enttäuschenden Weinen aus den Neunzigern und zu Beginn des Jahrtausends ist das ein Aufstieg wie Phönix aus der Asche. In Chablis gehören in 2014 William Fèvre, Billaud-Simon (gehört jetzt zu Faiveley) und Domaine des Malandes zu den Spitzenbetrieben. Schaut man sich die Preise in Chablis an, dann sind viele Weine im Spitzensegment sowieso ultragünstig im Vergleich zur Côte de Beaune. Insofern ist Chablis vielleicht der heimliche Gewinner dieses verrückten Jahrgangs. Chablis – The Golden Gate of Burgundy!

Feuer und Wein

Versteinerte Lavaströme und erloschene Minikrater geben am Etna eine Ahnung über das gewaltige Spiel der Natur in zurückliegenden Zeiten. Inmitten dieser einmaligen Landschaft dann Inseln der Weinkultur. Uralte Reben. Knorrige Gebilde, die sich äußerlich perfekt an diese bizarre Oberflächenformen angepasst haben und das Gefühl vermitteln, dass sie auf ewig mit diesem Stück Erde verbunden sind. Reben, die das Feuer des Vulkans in sich tragen und diese Energie in eigenständige Weine transformieren. Wer als Winzer diesen Prozess begleiten will, muss den Etna leben und sich selbst als untrennbaren Bestandteil des Vulkans begreifen.

IMG_1868Einer der es wissen muss, ist Salvo Foti, einer der Protagonisten des modernen Etna: „Es braucht Zeit, sich diesem Berg, den man Etna nennt, zu nähern und sein komplexes Wesen zu begreifen. Es ist nicht nur ein Vulkan: er ist ein Werk der kreativen Fantasie. Es ist der Ort, an dem sich Feuer und Eis, Hitze und Kälte mit dem Meer vermischen. Er ist ein Konzentrat von Widersprüchen. Diese werden hier zur Energie, die Menschen, Pflanzen und Tiere in sich aufnehmen und in ihrer Vitalität widerspiegeln.“ Das Magma fließt wieder. Salvo Foti hat mit einigen anderen Winzern das Feuer des Etna wieder entfacht und den Berg aus einer Phase der Lethargie zurückgeholt.

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Während einer zweitägigen Tour haben wir uns davon überzeugen können, haben mit Winzern wie Guiseppe Russo, Salvino Benanti, Frank Cornelissen, Giuseppe Parlavecchio (Pietradolce) und eben Salvo Foti über ihre Sichtweisen und Philosophien und deren Umsetzung im Glas diskutiert. Wir probierten Weine, die eine tiefe innere Ruhe ausstrahlen und doch vibrierend sind. Weine mit Ecken und Kanten und doch voller Harmonie und Schönheit. Weine, die sich jedem Vergleich entziehen – wie viel man auch Authentizität vergleichen? Wir haben die Energie des Vulkans gespürt und sind in den Tiefen seiner magischen Welt angekommen: Feuer und Wein.

Eine Auswahl einiger Weine, die uns am meisten beeindruckt haben:

Pietradolce, Archineri bianco 2013

100 % Carricante von 100-120 Jahre alten Reben / Weinberge in 850 m Höhe auf der Ostseite / Produktion 4.000 Flaschen / Vinifizierung und Ausbau im Edelstahl / Linear / fokussiert / extraktreich / prägnante aber eingebundenen Säure / salziges Finish /  lang / jetzt – 2028 / 18,0

Pietradolce, Barbagalli 2010

100% Nerello Mascalese / Pre-Phylloxera Reben 80 – 100 Jahre alt / 20 Monate Ausbau in Französischer Eiche / Einer beiden roten Crus von Pietradolce / Entwickeltes helles Rubinrot / konzentrierte Nase / Mix aus würzig-kräutrigen und floralen Komponenten / muskulös / fest / balanciert / sehr lang / jetzt – 2025 / 17,5+

Benanti, Pietra Marina 2011

100% Carricante / 800 m Höhe / herbale Noten / Steinobst / kräftige balancierte Säure / viel Substanz / lang / salzig / jetzt bis 2022 / 17,0

Benanti, Rovitello 2004

Nerello Mascalese / 1ha große Parzelle mit pre-phylloxera Reben am Etna Nord / entwickelt / viel Würze / Wildnoten / Tee / strukturiert / festes Tannin / maskulin / mittlere Länge mit rauchigen Nuancen / jetzt / 16,5+

Salvo Foti, Vinudilice 2014

Aus einer 0,85 h großen Parzelle auf 1.300 m Höhe / 100 Jahre alte Rebstöcke / Gemischte Bepflanzung, u. a. Alicante, Minella, Grenanico / Blasse Pink / sehr klare Nase / schlank / messerscharfe Säure / vibrierend / sehr eigenständiger Wein / jetzt bis 2018 / 16,5

Salvo Foti, Aurora 2014

90% Carricante und 10% Minnella / Floral / reifer Apfel / mittlerer Körper / texturiert / erfrischende Säure / salziges Finale / sehr elegant und ausgewogen / jetzt bis 2019 / 16,5+

Salvo Foti, Vinupetra 2006

Single vineyard Calderara in der Contrada Porcheria bei Passopisciaro am Nordhang des Etna auf 700 m Höhe / Blend aus Nerello Mascalese, Nerello Cappuccio, Alicante und Francisi / Ca. 100 Jahre alte Reben in Alberello-Erziehung /  Pflanzdichte etwa 10.000 Stücke pro ha / entwickelt / komplex / viel Extrakt / dicht / fest / von viel Würze und rauchigen Nuancen getragenes langes Finale / jetzt bis 2021 / 17,5++