Archiv für den Monat: Juni 2016

IN THE SIGN OF SUBLETY – THE TALENTS OF PINOT BLANC

Im Schatten des großen Bruders Pinot Noir hat Pinot Blanc (Weißburgunder) in den letzten zwei Dekaden still und heimlich an seiner Reputation gefeilt. Dabei sind streng genommen die beiden Rebsorten keine Geschwister sondern ein und dieselbe Rebsorte. Verantwortlich für die Entstehung von Pinot Blanc ist ein DNA-Unfall, bei dem das für die Bildung von Farbstoffen in der Beerenhaut verantwortliche Gen (MybA1) inaktiviert wurde. So entstand aus Pinot Noir eine weiße Mutation.

Die steigende Beliebtheit am Markt spiegelt sich in den deutschen Weinbergen wieder – seit 1995 hat Weißburgunder mit rd. 2.600 ha deutlich an Rebfläche zugelegt und belegt mittlerweile den 5. Platz bei den weißen Rebsorten (Quelle DWI). Feine Frucht, weiche Textur und sensorisch moderatere Säure im Vergleich zum Riesling haben zu seinem Höhenflug beigetragen. Aber Weißburgunder kann wesentlich mehr. In Toplagen und Topjahren schafft er es in fast ungeahnte Höhen aufzusteigen – natürlich in Abhängigkeit von Intension und Fähigkeit des Produzenten. Ein von David Schildknecht geführtes Tasting unter dem Titel “In the Sign of Sublety – Revealing the Talents of Pinot Blanc” während der VieVinum in Wien stellte dies mit einem Querschnitt österreichischer Weißburgunder eindrücklich unter Beweis. Im Reigen von zwanzig Weinen waren Einige zum Niederknien. Stilistisch lagen dabei erwartungsgemäß die Weine je nach Herkunft und Philosophie weit auseinander. Ich bevorzuge vor allem die Weine, die zu einem schlankeren Stil tendieren und die Energie und Finesse des weißen Burgunders herauskitzeln. Kommen die Weine von kalkhaltigen Böden, verbinden sie diese Eigenschaften mit Struktur und einer fast salzigen Mineralität. Ältere Weine aus den 80- und 90iger Jahren stellten unter Beweis, dass Weißburgunder durchaus in der Flasche hält. Mich überzeugten eher die jüngeren Weine, die mit ihrem subtilen aber komplexen Aromenspiel an die Leichtigkeit des Farbenspiels der großen französischen Impressionisten erinnern. Meine Top Drei reflektierten unterschiedliche Regionen Österreichs und zeigen die Fähigkeit dieser Rebsorte, unter verschiedenen Bedingungen charaktervolle und eigenständige Weine zu hervorzubringen. Auf den ersten Platz setzte sich dabei der strukturierte Leithaberg 2007 von Prieler – ein Wein, der sich im Schneckentempo entwickelt und sicher manche hochdekorierte Burgunder im direkten Vergleich blaß aussehen lässt (17,5 P.). Knapp dahinter der Steinbach 2013 von Lackner-Tinnacher aus der Südsteiermark und der „Wein vom Stein“ 2007 von Neumayer aus dem verschlafenen Traisental ( beide 17,0+ P.). Ersterer zeigt die filigrane Handschrift von Katharina Tinnacher, die mit diesem Wein zeigt, dass sie nicht nur für Sauvignon Blanc ein wahnsinniges Gespür hat. Der Stein-Wein von Neumayer setzte den Kontrapunkt dazu: kompakt, kraftvoll und trotzdem mit viel Balance und Finesse.

Katharina Tinnacher, Weingut Lackner-Tinnacher

Katharina Tinnacher, Weingut Lackner-Tinnacher

Die Weine in der Einzelkritik

Neumeister, Steirische Klassik 2015 – pure / perfect ripe fruit / floral / creamy texture / medium body / moderate acid / fruit driven uncomplicted style / 14,5

Neumeister, Klausen 2015 – slightly reductive / subtle spiciness / balanced / good energy / medium length / 15,5

Herist, Rechnitzer WB 2012 – developed nose / rich / creamy / warm alcohol / lacks freshness but shows grip and structure / nutty finish / 15,0-

Lackner-Tinnacher, Steinbach 2013 MG – restrained / primary stage / floral / medium body / velvety / very good freshness / precise / long / 17,0+

Lackner-Tinnacher, Steinbach 1983 MG – medium golden yellow / candied fruit / slightly firn / lean / soft / off-dry / still luscious fruit / amazing for this age / 15,5

Heinrich, Salzberg 2012 – ripe fruit / apricot / rich / lot of extract / high yet balanced alcohol / moderate acid / slightly nutty finish / 15,5+

Tinhof, Golden Erd 2012 – floral / stony notes / medium body / mineral / good grip and focus / medium length / 16,0

Prieler, Seeberg 2007 – developed nose / floral nuances / soft / supple / feminin style / shows finesse / nutty finish / 16,0

Prieler, Leithaberg 2007 – pure / focused nose / rich / crisp acid / lot of depth / potential for at least further 10 years / long / great expression of Pinot Blanc / 17,5

Christ, Der Vollmondwein 2004 – rich nose / exotic touch / creamy / underlying crisp acid / medium length / 15,5

Ehmoser, WB 2014 – fruit driven style / clean / uncomplicated / lean body / fresh finish / 14,5

Stadlmann, Höfen 2012 – ripe fruit / apricot / ripe melon / rich / warm alcohol / moderate acid / warm finish / 15,0-

Stadlmann, Höfen 2006 – developed nose / vegetal notes / shows certain richness / moderate acid / lacks a bit energy / good length / 15,0

Neumayer, Der Wein vom Stein 2007 MG – restrained / subtle / flinty-stony notes / crisp acid / very good depth, balance and precision / long / 17,0+

Neumayer, Der Wein vom Stein 1988 MG – fully ripe / oxydative notes / shows still some extract / dominating acid / medium long nutty finish / 15,0-

Geyerhof, Zasen 2004 – vegetal-spicy nose / much better on the palate than on the nose / crisp / creamy texture / shows good balance and length / 16,0

Hirtzberger, Steinporz 2001 – pure / focused / rich / high alcohol / moderate acid / lacks a bit energy and freshness / warm finish / 15,0

Hirtzberger, Steinporz 1995 – complex nose / rich / velvety / very good substance and balance / much better than 2001 / 16,5+

Hiedler, Spiegel 1992 – funky / firn / lean / pronounced acid / menthol / over the peak / NR

Hiedler, Schenkenbichl 1992 – rich nose / creamy / off-dry / luscious / good balance / 15,5

Cool Climate Wine Symposium 2016

ICCWS-logoLetzte Woche fand in Brighton (England) das neunte Internationale Cool Climate Wine Symposium statt. Rund 600 Delegierte und Speaker beschäftigten sich mit mit den Herausforderungen des Weinbaus in kühlen klimatischen Bedingungen, Strategien zur Optimierung von Qualität und Ertrag, aktuellen Forschungsergebnissen, neuen technischen Applikationen und der Vermarktung von Cool Climate Weinen im internationalen Markt. Verschiedene Tastings und Präsentationen u.a. von englischen Produzenten, der Österreichischen Weinmarketing (ÖWM) und Wines of Canada rundeten die drei Tage perfekt ab. Letztere bekamen den Zuschlag für das zehnte Symposium, welches 2020 in Ontario stattfinden wird. Folgend einige meiner Symposium Highlights:

Englischer Wein ist auf der Überholspur. In den letzten acht Jahren hat sich die Anbaufläche auf 2.000 ha verdoppelt, bis 2020 wird ein Anstieg auf 3.000 ha prognostiziert. Qualitativ haben im Moment vor allem die Schaumweine das Potential ganz oben mitzuspielen, welche mit rd. zwei Dritteln die Produktion dominieren. Dabei setzt man fast ausschließlich auf die Champagner-Klassiker Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier. Mein persönlicher Favorit war die Classic Cuvée brut 2010 von Nyetimber. Geprägt von 56 Monaten Hefelagerung zeigt die Classic Cuvée eine tolle Komplexität und feine Perlage sowie Tiefe, Eleganz und Länge. Der perfekte Pirat für die nächste Champagnerprobe.

José Vouillamoz (Universität Neuchatel) beschäftigt sich als Forscher mit alten Rebsorten und stellte einige alpine (und teilweise fast verschwundene) Rebsorten vor, die sich für den Anbau in Cool Climate Regionen eignen, darunter Varieties wie Mollard, Onchette, Gringet, Fumin, Arvin, Lagrein oder Rotgipfler. Es immer wieder spannend zu sehen (… und zu probieren), was wir für Schätze in unserer Weinwelt haben. Wer hat schon Rebsorten wie Arani noir oder Krasnostop Zolotovskiy probiert? Letztere gedeiht im übrigen im Don unter wirklichen heftigen klimatischen Bedingungen zwischen 40°C im Sommer und  -32°C im Winter.

Nicht zwingend ein Cool Climate Topic aber trotzdem extrem spannend war eine Session, die sich mit den neuesten Erkenntnissen auf dem Feld der Sensorik auseinandersetzte. Prof. Charles Spence (Universität Oxford) ist einer der führenden Neurowissenschaftler Englands und beschäftigt sich seit Jahren in verschiedenen Projekten mit äußeren Einflüssen auf die Empfindung von Wein. Kurz gesagt, einige dieser Erkenntnisse wirbeln viele unsere bisherigen Auffassungen durcheinander und zeigen, wie stark wir beim Riechen und Schmecken von visuellen oder akustischen Empfindungen beeinflusst oder geprägt werden. Das Modewort der letzten Jahre „MIneralität“ war ebenfalls ein Topic in dieser Session. Prof. Wendy V. Parr (Lincoln University, Neuseeland) ging der Frage nach, ob Mineralität im Wein eher eine Konstruktion unseres Gehirns ist oder wirklich sensorisch mit Weininhaltsstoffen verknüpft wird. Der momentane Forschungsstand geht dahin, dass Mineralität wirklich auf der Basis und Wechselwirkung verschiedener Weinkomponenten empfunden wird. Allerdings ist weiteres Research notwendig, um mehr Licht in dieses komplexe Thema zu bringen.

Zum ersten Mal kam ich intensiv mit Slido in Kontakt – ein interaktives Tool für Konferenzen und Meetings. Jeder Teilnehmer loggt sich via Smartphone, Tablet oder Notebook in die Konferenz ein und in Echtzeit können Umfragen und Votings durchgeführt oder Fragen gestellt werden. Je nach Anzahl der Likes werden die Fragen zusätzlich nach Priorität gewichtet. Eine klasse Erfindung, die eine belebende Komponente einbringt und insbesondere bei großen Konferenzen wirkliche Interaktion und Austausch mit dem Publikum ermöglicht.