Samstag, 3. April 2010 14:07
Zweiter Tag im Primeurfieber, welches bei den heute verkosteteten Weinen der Left Bank so richtig glühte. Eine atemberaubende Palette an tollen Weinen und das trotz des Fehlens der Premier Crus und einiger Super-Seconds. Was sich am gestrigen Tag in Pessac-Léognan schon andeutete, wurde heute für mich bestätigt. Die linke Seite ist klar mein Favorit – atemberaubende Fülle, pefekte Reife, dazu Struktur und Eleganz. Cabernet Sauvignon in Hochform – der bei vielen Weinen einen deutlich höheren Prozentsatz als in den letzten Jahren einnahm – dazu ebenfalls hervorragende Ergebnisse beim Komplementär Petit Verdot. Nach Rebsorten steht für mich ganz klar Cabernet Sauvignon an 1. Stelle – Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Das dies sicherlich kontrovers diskutiert wird ist mir klar – ein Beispiel sind die ersten veröffentlichen Bewertungen des Wine Spectators, wo es reihenweise Bewertungen zwischen 93-100 Punkten für die Right Bank hagelte. Bordeaux 2009 ist ein weiterer Beweis dafür, wie sehr Bewertungen davon abhängen, welche Kriterien man an erste Stelle setzt.
Zwischen den einzelnen Appellationen im Haut-Médoc gab es für mich relativ wenig Unterschiede, auch wenn naturgemäß Pauillac und St-Julien angesicht des Getümmels an Cru Classés den Ton angab. St-Estèphe fiel etwas ab, allerdings fehlten Montrose, Calon-Ségur und Cos im Tasting.
Erste Station: Château Cantemerle für Weine aus den Appellationen Haut-Médoc, Médoc, Moulis und Listrac
Verkostungsatmosphäre in fast familären Rahmen. Viele sehr gute Ergebnisse bei den Cru Bourgeois, an erster Stelle Poujeaux – feine Tanninstruktur, balanciert, dezentes Holz, 17,0+ P. - dahinter Chasse Spleen - fast schwarze Farbe, Kirsche, Cassis, seidene Tannine, gute Frische, 16,5+ Punkte. Bei den Cru Classé überzeugte Cantemerle mit einem sehr eleganten Wein – aromatische Tiefe, Pfingstrose, dunkle Früchte, geschliffen, gute Länge, 17,5 Punkte.
Zweite Station: Château Desmirail für die Weine aus Margaux (ohne Château Margaux und Palmer)
Insgesamt sehr hohes Niveau, wenig Entäuschungen. Überragend Rauzan-Segla – sehr aromatisch, pure Finesse, langes von Frucht getragenes Finale, 18,5 Punkte. Desweiteren Kirwan – <süsse> intensive Frucht, feinkörniges Tannin, balanciert 17,0 P. – Prieuré Lichine – schwarze Früchte, viel neues Holz, das aber gut abgepuffert wird, für Liebhaber intensiver Weine, 17,0+ P. und Malescot – St. Exupery - konzentrierte Frucht, dicht, reich, viel Schmelz, gute Länge 17,5 Punkte. Überzeugend auch die Weine aus dem Lurton-Clan – allen voran Château Ferrière - charmanter, leichterer Stil, viel Frische, elegant, mittlere Länge, 17,0+ P. und Durfort-Vivens – intensive Schwarzkirsche, präzise, feinkörniges Tannin, 17,0 Punkte. Weine wie Dauzac oder Marquis de Terme, die weit über ihrem sonstigem Durchschnitt lagen, bestätigen den guten Gesamteindruck in Margaux.
Dritte Station: Château Batailley für die Weine aus Pauillac, St-Julien und St-Estèphe
Großes Gedränge und großes Kino. Sich für Favoriten zu entscheiden, viel wirklich schwer. Im engeren Favoritenkreis Pichon-Baron – Strukturwein, straffes aber feinkörniges Tannin, präzise, kein Gramm Fett zuviel, 18,5+ P. – Pichon Comtesse – tiefe Frucht, unheimlich aromatisch, reich, dabei perfekte Balance, 18,5 P. - Lynch-Bages – 76% Cabernet im Blend, viel Power, dicht, muskolös, kräftiges Tannin, 17,5+ P. – Haut-Bages Liberal - klassischer Pauillac auch in diesem Jahr, aber mit mehr Frucht und Charme, 17,0 P. -, Clerc-Milon (klarer Sieger gegenüber d´Armailhac aus dem selben Haus) – viel neues Holz, feine Cabernet-Aromatik, elegante Tannine, gute Länge, 17,5+ P. und Château Batailley – pure Cassis, mineralische Nuancen, Frische, kraftvolle Tannine, balanciert, 17,5 Punkte. Pontet-Canet hatte mittags leider schon den Stand geräumt, soll aber nach Aussagen von Kollegen ebenfalls groß sein.
Vergleichbares Bild in St-Julien: Leoville Poyferré – superbe Nase, reich, fokusiert; extraktreich, festes Tannin 18,0 P. -, Lagrange - 73% Cabernet S. im Blend, Cassis, fein strukturierter Wein mit Frische und guter Länge 17,0+ P. – und Branaire Ducru - Herzkirsche, <sweet>, saftig, reich, fruchtorientierter Stil 17,0+P. Überzeugend auch beide Weine aus dem Hause Barton, wobei Langoa in diesem Jahr den Abstand zum Léoville deutlich verkürzen konnte: Léoville-Barton mit 77% Cabernet S. im Blend – subtile Frucht, pure, präziser fast schlanker Stil, elegant 17,5+ P. – Langoa-Baron – saftige Frucht, Amarena, dark berries, besitzt nicht ganz die Präzision vom Léoville 17,0+ Punkte. Heftig diskutiert wurde Gruaud-Larose – maskuliner, fast stämmiger Wein, powerful, feste feinkörnige Tannine, mineralisch, viel Potential, mich erinnert der 2009er an den 86er Gruaud, der sich im Schneckentempo entwickelt; da Struktur eines meiner Hauptkriterien ist, gibt es 18,0+ Punkte. Einmal mehr enttäuschend Beychevelle, dessen etwas behäbiger und vordergründiger Wein mit dem imposanten Château nicht mithalten kann.
Phélan-Ségur dagegen bewies einmal mehr, das es ohne weiteres in die Reihe der 3. oder 4. Cru Classé gehört: viel Würze, Pfeffer, mineralische Noten, feste Tannine, präzise, gutes Potential 17,5 Punkte. Gute Ergebnisse ferner von Ormes de Pez und Lafon-Rochet, die aber beide nicht an die Klasse anderer Weine herankamen.
Einige an diesem Tag außer der Reihe probierte Crus Bourgeois wie Château Grandis in St-Seurin de Cadourne bestätigten, das man in 2009 auch bei den sogenannten kleineren Weinen hervorragende Entdeckungen machen kann – und: diese Weine kosten nicht wesentlich mehr als in den Jahren zuvor.
Zusammengefasst nochmal meine Kaufempfehlungen – ohne die nicht verkosteten Premieur Crus, einige Super-Seconds sowie Kultweine von der rechten Seite.
Figeac, Haut-Bailly, Pichon Comtesse, Pichon-Baron, Domaine de Chevalier (weiß und rot), Smith-Haut Lafitte rot, La Conseillante, Léoville-Barton, Gruaud Larose, Léoville-Poyferré, Rauzan-Segla, Kirwan, Clerc-Milon, Lagrange, Haut-Bages Liberal, Ferrière, Batailley, Cantemerle, Poujeaux und Phélan-Segur.
Ausführliche Verkostungsnotizen – auch zu nicht erwähnten Weinen- stelle ich auf Anfrage gern zur Verfügung.