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Zeitlose Weine

Weine ohne Konzessionen an den Zeitgeist und doch nicht verstaubt? Geht nicht? Geht doch: bei Joh. Jos. Prüm in Wehlen an der Mosel. Eine grandiose Weinprobe mit Katharina Prüm im Februar führte in die letzten zwei Jahrzehnte und und in eine Weinwelt, die sich der Turbomentalität unserer Zeit entzieht. Wer die Weine der Prüm´s genießen will, braucht Geduld. Die meisten Weine brauchen oft zehn Jahre und mehr, um ihren Charakter zu zeigen. Und halten dann so gut wie ewig – bester Beweis war eine Sonnenuhr-Auslese von 1966 im letzten Jahr. Richtig spannend war zu diesem Tasting das Pairing der Lagen Sonnenuhr und Himmelreich. Fast immer schimmerte unabhängig vom Jahrgang deutlich die Seele der beiden Lagen durch. Die Wehlener Sonnenuhr als Vertreter eines leichtfüßigen und eleganten Stils im Gegensatz zur Kraft und Fülle des Graacher Himmelreich. Meine Favoriten an diesem Tag waren die Spätlese 09 und die Auslese 07 aus der Sonnenuhr. Beiden zeigten eine perfekte Balance, aromatische Tiefe und eine mobilisierende reife Säure, die im fast endlosen Finale für den so wichtigen Frischekick sorgt.

Adler-Weine

Gestern fand die erste Präsentation der Großen Gewächse des Jahrgangs 2008/ 09 (Weiß 2009, Rot 2008) der Winzer des VdP in Berlin statt – die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des VdP bildeten dabei einen stimmungsvollen Rahmen und lockten eine Menge Prominenz an, wie Hugh Johnson oder Jancis Robinson.  140 Winzer mit rd. 300 Weinen waren am Start – zuviel für vier Stunden Tasting. Aus diesem Grund ließ ich einige Regionen, die ich im Frühjahr/ Sommer diesen Jahres besucht hatte, fast völlig links liegen, konzentrierte mich auf die anderen Gebiete und auf Riesling. Einige Fazits vorweg: 1. Die Großen Gewächse (weingesetzlich nicht geregelt) sollen nach den Richtlinien des VdP die Spitzenweine Deutschland abbilden – wie in den Vorjahren gab es auch gestern eine Menge Weine, die diesem Anspruch nicht gerecht wurden und nur Durchschnitt waren. Zahlenmäßig legten die Großen Gewächse gegenüber dem Vorjahr erneut zu, aber nur ein “GG” auf dem Frontlabel abzudrucken, langt eben nicht aus.   2. Ist 2009 ein Spitzenjahrgang – ja oder nein?  Teilweise kontroverse Diskussionen in den letzten Wochen und Monaten, dazu der Vergleich zu 2008.  Im letzten Jahr wurde bei der GG-Verkostung der 08er von vielen als zu mager und säurebetont kritisiert. Kaum hat man einen Jahrgang mit mehr Frucht und Stoff, schlägt das Pendel zurück. Etwas schräg, oder?  Sicherlich Ansichtssache und persönliche Vorliebe, ob ob man eher den schlankeren Jahrgang 2008 oder den fülligeren, kurvenreichen Jahrgang 2009 präferiert. Ich probierte eine Menge Traumweine in 2009 und das rechtfertigt es für mich, von einem sehr guten oder Spitzenjahr zu sprechen – dass es auch Weine am unteren Ende der Qualitätsskala gibt, liegt in der Natur der Dinge, da ja neben einem perfekten Reife- und Witterungsverlauf auch der Winzer, sein Anspruch und sein Können dazu gehört.  3. Restzucker – auch in 2009 wieder ein Thema. Eine Überarbeitung der Kriterien des VdP, nur “gesetzlich trockene” Weine als Grosse Gewächse zu definieren ist sicherlich überdenkenswert. Einige Weine an der Mosel hungerten sich geradezu in das Grosse Gewächse Regularium, obwohl ihnen ein paar Gramm Restsüsse besser zu Gesicht gestanden hätten. Selbe Problematik im Rheingau, wo zu viele Weine nur durch hohen Alkohol und Stoffigkeit glänzten – von Balance im Wein weit und breit keine Spur. Kurioserweise war dann auch einer der “Weine des Tages” ein Wein, der deutlich Restzucker hatte und offiziell gar kein Grosses Gewächs ist: der Uhlen “Blaufüsser Lay” von Heymann-LöwensteinMosel: Neben der o.g. Problematik eine Reihe von guten und sehr guten Weinen, u.a. von Dr. Loosen, Karthäuserhof, Grans-Fassian und Fritz Haag. Van Volxem zeigte ebenfalls eine geschlossene Leistung und perfekt gearbeitete Weine, auch wenn für mich der Lagencharakter unter dieser Perfektion litt. Sehr gut Heymann-Löwenstein mit dem bereits erwähnten Uhlen Blaufüsser Lay Riesling: kristallin / mineralisch / präzise / perfekte Balance / ellenlang, unheimlich frisch und geschliffene Frucht / 18,0+. Wie erwähnt, sind alle Weine von Heymann-Löwenstein keine Grossen Gewächse im Sinne der VdP-Klassifikation.  Rheingau: Hinter anderen Regionen wie Mosel, Nahe, Pfalz und Rheinhessen. Wirkliche Spitzen fehlten genauso wie Peter-Jakob Kühn, Breuer und Leitz. Nahe: Einmal mehr absolut top das Dreigestirn Dönnhoff, Emrich-Schönleber, Schäfer-Fröhlich. Letzterer hatte diesmal die Nase vorn. Bärenstarke Kollektion, mustergültig gebaute Weine, fast monumental Felseneck und Halenberg. Etwas entäuschend das als Aufsteiger gehandelte Gut Hermannsberg mit noch von Schwefel geprägten und etwas harschen und unbalancierten Weinen.  Pfalz: Viele hervorragende Weine – Reichsrat von Buhl, Rebholz (Ganz Horn), Christmann (Idig und Mandelgarten). Etwas dahinter Bassermann-Jordan und Siegrist. Entäuschend Dr. WehrheimRheinhessen: Viel im Sommer probiert, wenig gestern. Einmal mehr bestätigt Kirchspiel von Wittmann – grandioser, facettenreicher und tiefgründiger Wein. Franken: Wenig probiert, daher nicht repräsentativ. Überzeugend Riesling Centgrafenberg von Rudolf Fürst. Sachsen: Ein großes Gewächs – Weißburgunder Schloss Proschwitz – gut, aber GG?  Baden, Würtemberg, Mittelrhein und mehr zu Franken folgen dann zur zweiten Runde Ende September auf Kloster Eberbach.

Im Zeichen des Riesling

Ganz im Zeichen des Riesling stand eine Tour durch die Pfalz, Rheinhessen und den Rheingau gemeinsam mit Helmut Klingler, Gerhard Mayr, Journalist bei WeinPur (Österreich)  und Bernhard Kammerlander, Gastronom in Wörgl. Auftakt beim Traditionsgut Dr. Bürklin Wolf, Wachenheim. Zum Empfang eine Spätlese Ruppertsberger Hoheburg 1971: Kandierte Früchte / Marzipan / kraftvoll / am Gaumen viel Würze /  deutliche Säure / balanciert / vital / gute Länge / 16,5. Danach ein Querschnitt der Jahrgänge 08 und 09 sowie einige ältere Weine. Bürklin-Wolf stellte vor einigen Jahren auf biodynamischen Anbau um – die Ergebnisse der beiden letzten Jahrgänge bestätigen den Aufwärtstrend, der mit dieser Umstellung zusammenhängen könnte. Die Weine zeigen ausgeprägte Mineralität, zur Fülle und Intensität der früheren Jahrgänge paart sich jetzt mehr Präzision und Ausgewogenheit. Herausragend aus den 08er Großen Gewächsen der Pechstein G.C. – feste Struktur / extraktreich / mineralisch / salzig / Würze / lang / bis 2020 / 17,5. Auch die 09er Premier Crus überzeugen, z. Bsp. der Wachenheimer Gerümpel: gelbe Früchte / Pfirsich / kräftiges Rückgrat / präzise / kräftige, balancierte Säure / mittlere Länge / bis 2018 / 16,5+.

Tasting mit Steffen Brahner, Geschäftsführer Dr. Bürklin-Wolf

Zweiter Termin bei Hansjörg Rebholz, Siebeldingen. Seit Jahren eine sichere Bank für charaktervolle Weine, die in den letzten Jahrgängen noch kompromissloser und strukturierter ausgefallen sind und bewußt auch Ecken und Kanten haben dürfen. Nach einer ausführlichen Tour durch alle Lagen des Weingutes ein Überblick über den aktuellen Jahrgang 2009. Durchweg haben alle Weine überzeugt – vom Einstiegswein NatUrSprung bis hin zu den großen Gewächsen. Toll wie bei den Weinen der jeweilige Boden oder Lagencharakter herausgearbeitet wurde, z. Bsp. bei der Riesling “S” Range vom Buntsandstein, Muschelkalk und Rotliegenden. Am meisten polarisierte das Große Gewächs Riesling Ganz Horn – der radikalste Wein der gesamten Probe: sehr klare Nase / reife Frucht / stahlige Struktur / mineralisch / salzig / puristisch / lang / großes Potential / bis 2025 / 18,0+.

Querdenker und Visionär: Hansjörg Rebholz

Im Tasting Room von Rebholz

Nächster Termin mit VdP-Präsident Steffen Christmann in Gimmeldingen. Wie bei den beiden vorherigen Betrieben werden die Weinberge biodynamisch bewirtschaftet. Stilistisch in 09 eher elegant statt pure Power, dazu besitzen die besten Weine viel Tiefe und kristallklare Frucht. Mein Highlight an diesem Tag: der Riesling Königsbacher Ölberg von Löß/ Kalksteinböden. “Kühle” Nase / saftige Frucht / viel Schmelz / mineralisches Rückgrat / hervorragende Balance / gute Länge / fast schon ein Großes Gewächs / sehr guter Value-Wein / bis 2018 / 17,0+.

VdP-Präsident Steffen Christmann

Paradelage Königsbacher Idig

Letzter Pfalz-Termin bei Köhler-Rupprecht in Kallstadt. Eine der traditionellen Hochburgen in ganz Deutschland Wer Frucht, Schmelz und Seidigkeit sucht, ist hier fehl am Platz. Struktur, Struktur, Struktur – das ist der Stil der Weine. Eigenwillig, unberechenbar, in jungen Jahren schwer zu verstehen, fast abweisend. Hier ist Geduld angesagt – schwierig in unser Tempo-Epoche. Paradelage ist der Kallstädter Saumagen mit Kalksteinböden und Südlage. Nach einer Maischestandzeit von 12-18 h werden die Weine spontan im großen Holz vergoren – manchmal bis in den Sommer hinein. Wir probierten einen Querschnitt der Jahrgänge 06 bis 08. Grandios werden könnte die trockene Saumagen Auslese “R” 07: floral-kräutrige Aromatik / gelbe Früchte / kräftiger Körper / dicht / fest / viel Mineralität und Würze / extraktreich / fast schmerzhaft bei soviel Struktur / anhaltend / ab frühestens 2015 – 2030 / 17,0++.

Im Keller von Koehler-Rupprecht - hier ticken die Uhren noch anders...

Danach ging´s weiter nach Rheinhessen zu Wittmann mit der Gelegenheit zum zweiten Mal innerhalb von kurzer Zeit die gesamte 09er Palette zu verkosten. Der erste hervorragende Eindruck vom Juni wurde bestätigt und zum Teil übertroffen – erstaunlich, was 4 Wochen Reife ausmachen können. Wiederum grandios Kirchspiel Großes Gewächs, der für mich mit seiner präzisen und eleganten Struktur einer der Weine des 09er Jahrgangs ist (18,0).

Qualitätsfanatiker Philipp Wittmann

Sorgt für Glücksgefühle: Riesling Kirchspiel 09 von Wittmann

Abschluß der Tour im Rheingau bei Peter-Jakob Kühn. Ebenfalls sehr überzeugende 09er Weine – kristalline, fast durchscheinende Weine mit Substanz und animierender Frucht. Meine Favoriten Riesling Quarzit und Riesling Spätlese Lenchen: expressive Nase / Pfirsich / seidige Textur / schmelzig / viel Finesse / sinnlich / bis 2020 / 17,0.

Fazit unserer Tour: an anderen Dingen sparen und viele 09er Weine kaufen. Es lohnt sich – man kann schon – zumindest vorsichtig – von einem großen Jahrgang sprechen.

Sexy Rheinhessen

Anläßlich einer Mini-Rundreise in Rheinhessen verkostete ich die 09er Kollektionen der Weingüter Wittmann, Battenfeld-Spanier, Kühling-Gillot und Jürgen Hofmann. Fazit vorweg: viele sehr schöne Weine mit saftiger Frucht, Tiefe und Dichte. Einige Weine zeigten fast zu üppige Kurven: Ausgewogenheit und Frische waren die Keys in 2009. Wie in den Vorjahren eine Model-Kollektion von Wittmann. Schon die Gutsweine zeigten viel Klasse – herausragend der Weißburgunder mit animierender Aromatik, viel Extrakt, mineralischem Rückgrat und frischem Finale (15,5). Gelungen auch die Westhofen-Weine, die erwartungsgemäß noch etwas Zeit brauchen, um zu sich selbst zu finden. Absoluter Höhepunkt an diesem Tag Kirchspiel Riesling Großes Gewächs: noch unfertig, aber fast atemberaubende Präzision, Klarheit und Länge (18,0) – stellt in 2009 für mich den Morstein GG in den Schatten (17,0). Auch Hans-Oliver Spanier überzeugte erneut in 2009. Beeindruckend seine kompromisslose Handschrift, die sich in allen Weinen durchzieht. Architektur-Weine mit Struktur – pure Schönheit – ohne Schminke oder Firlefanz. Einmal mehr gefielen mir sehr gut die Ortsweine Riesling Hohensülzen und Riesling Mölsheim mit Kernigkeit, nachhaltiger Frucht und Power (beide 16,0). Frauenberg GG  und Kirchenstück GG sind momentan schwierig zu verkosten, aber besitzen ebenfalls tiefe Frucht, Rückgrat und Länge. Spannend auch eine abschließende Mini-Vertikale des Super-Rieslings CO aus Jahrgängen 2006-2009. Gewinner für mich der 2008er – ein expressiver, dichter und trotzdem eleganter und erfrischender Wein (17,5). Nicht ganz so überzeugend der Auftritt von Kühling-Gillot. Die Gutsweine wirkten für mich zu beliebig und breit und ließen Frische vermissen. Erwartete Klasse dann bei den beiden Ortsweinen Riesling Nierstein und Riesling Oppenheim sowie den Großen Gewächsen: spannend der Riesling Nackenheim GG mit ätherischen Noten, Verspieltheit und Finesse (16,5+). Zum Abschluß des Tages zu Jürgen Hofmann in Appenheim. Nach einer kurzen gemeinsamen Tour mit Jürgen durch die Toplage Hundertgulden (purer Kalkstein, der höchste Carbonatgehalt aller deutschen Weinberge, Süd- und Südostausrichtung) dann die letzte Verkostungssession. Hervorstechend aus einer sehr stimmigen Palette der Riesling “Muschelkalk”  und der Riesling Hundertgulden -beide mit mit mineralischer packender Struktur, saftiger Frucht und guter Länge (15,0 und 16,0+).