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Carignan at its best

Carignan hat sich in den letzten Jahren etwas vom Schnuddel-Image befreien können. Mit wenigen Ausnahmen zählt sie aber nach wie vor zu den Underperformern in der öffentlichen Wahrnehmung. Dabei zeigen eine stetig zunehmende Anzahl an Weinen, welches Potential diese Rebsorte des Südens hat. Wer noch einen Beweis sucht, sollte den Lo Vièlh Carignan 2012 vom Clos du Gravillas aus St-Jean de Minervois probieren. Organische Bewirtschaftung der Weinberge, über 100 Jahre alte Reben auf extrem steinigen Böden, reduzierte Erträge (rd. 20hl/ ha) und low interventation winemaking ergeben einen Wein, der fast burgundische Züge trägt. Animierende Nase mit Noten von Sauerkirsche und Berberitzen sowie floralen Nuancen, im Mund perfekt balanciert mit feinkörnigen Tannin und viel Energie und Frische. Macht bereits jetzt unheimlich Spaß, aber besitzt durchaus das Potential für einige Jahre Flaschenreife. Chapeau Nicole & John!

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Das größte Weinanbaugebiet der Welt ist geprägt von vielen Paradoxen: Geburtsstätte des französischen Weinanbaus und reich an Historie haben die Weine mit ganz wenigen Ausnahmen nie den Status der nördlichen BBC Gebiete erreicht; fünftgrößter Weinexportiteur der Welt aber zerrissen von wirtschaftlichen Schwierigkeiten; Heimat eine schier unendlichen Anzahl autochtoner Rebsorten und doch vielen Weintrinkern nur als Herkunft gesichtsloser Vin de Pays bekannt. Auf der anderen Seite ist dieser Teil des Midi ein Eldorado für Schatzsucher und Quelle authentischer Weine abseits des Mainstreams. Meine Reise in der letzten Woche hat dies einmal mehr bestätigt: auf dem Programm standen Altrevoluzzer wie Gauby oder Mas Coutelou und Newcomer wie Domaine de Gravillas im Minervois. Startpunkt war Calce – sicherlich eines der größten Terroirs im Roussillon, das in den letzten Jahren einige neue Stars wie Matassa oder L´Horizon hervorgebracht hat. Ich mag diese herbe und karge Landschaft ohne den vordergründigen Charme der Postkartenmotive, die man oft mit dem Süden Frankreichs assoziiert. Die besten Weine vereinen genau diese Attribute in sich: Weine mit Struktur, Würze, Wildheit und innerer Schönheit.

Das Tasting bei Gauby unterstrich einmal mehr den Ausnahmestatus dieser Domaine; durch alle Weine zieht sich ein roter Faden; sie sind geprägt von Präzision, Eigenständkeit und Frische. Bei unserem Eintreffen war die Lese noch in vollem Gang – rd. zwei Wochen später gegenüber den letzten Jahren. Das naßkalte Frühjahr hat auch im Roussillon seine Spuren hinterlassen – bei Gauby wird es aufgrund des Verrieselns während der Blüte in diesem Jahr so gut wie keinen Grenache geben.  Neben Muntada sind in den letzten Jahren mit Coume Gineste, La Foun, La Jasse oder La Roque weitere Grand Crus dazu gekommen. Der weiße La Roque 2011 schlägt zudem ein neues Kapitel bei Gauby auf: Muscat-Trauben, die komplett auf der Maische vergoren wurden, ergeben einen Wein, der sich einer herkömmlichen Betrachtung und Beschreibung völlig entzieht. Der erste “orange wine” von Gauby besitzt eine fast unerklärliche Anziehungskraft, geprägt von ätherischen und balsamischen Noten sowie einer inneren Kraft, die dem Wein auch nach dem Öffnen der Flasche über Tage hinweg Stabilität verleiht.

Mit der Domaine Forca-Real – benannt nach dem gleichnamigen Höhenzug bei Millas – besuchten wir einen Produzenten, der ebenfalls zur Spitze im Roussillon gezählt werden darf. Jean-Paul Henriques erwarb diese Domaine Ende der 80-iger Jahre und restaurierte Stück für Stück die vernachlässigten Weinberge und Gebäude. Mittlerweile hat sein Sohn Cyril die Leitung des Weingutes übernommen und setzt konsequent den eingeschlagenen Weg fort. Im Fokus stehen vorallem Grenache und Syrah, ergänzt durch etwas Mourvedre und Carignan. Rotes Flagschiff ist der Les Hauts de Forca Real der erst unlängst mit dem Jahrgang 2010 den Coup de Coeur der Guide Hachette gewonnen hat und dabei weit unter 20 EUR zu haben ist. Eine Rarität ist der weiße Les Hauts, der zu 100% von Tourbat – auch Malvoisie de Roussillon genannt – stammt. Nur rd. 1.000 Flaschen werden von diesem Wein produziert, der mit einer komplexen Kräuteraromatik überrascht.

Beauregard Mirouze in den Corbieres ist ein typischer Vertreter der derzeitigen Dynamik im Languedoc. Die jetzige Generation mit Nicolas und Karine Mirouze erkannte, das der Weg in die Zukunft nur über charaktervolle und authentische Weine führt. Die natürlichen Bedingungen dafür sind grandios: die Weinberge sind in einem kleinen, etwas höher gelegenen Tal unweit des Château de Boutenac gelegen. Ein kühleres Mikroklima, steinige und nährstoffarme Böden sowie organische Bewirtschaftung sind die Grundlage für lebendige und erfrischende Weine, was sich vorallem im Rosé widerspiegelt.

Einer der absoluten Höhepunkte dieser Reise war Château La Liquiere in Faugères. Nur selten besitzt ein Weingut ein derartig geschlossene Kollektion an ausdrucksstarken Weinen – angefangen vom Einstiegswein Les Amandiers bis hin zu den Topweinen Cistus und Racines. Sie besitzen die Kernigkeit und Mineralität, die man von den roten Scheiferböden des Faugères erwartet, ohne jedoch Balance und Frische vermissen zu lassen. Besondere Erwähnung verdient die rote Vieilles Vignes (über 50 Jahre alte Reben, vorwiegend Grenache und Carignan) – für rd. 12 EUR bekommt man einen Wein mit höchster Eigenständigkeit und Potential für 10-12 Jahre Flaschenreife.

Yves Falmet von Terres Falmet in St-Chinian gehört sicherlich zu den eigenwilligtsten Köpfen im Languedoc. Aus der Champagne stammend, studierte Yves in Montpellier Biochemie und Önologie und arbeitete dann in allen Ecken der Welt bevor er sich schließlich im Languedoc niederließ. Yves ist ein Querdenker, hinterfragt, probiert aus – das Ergebnis sind Weine wie A Contre Courant, der über 4 Jahre in gebrauchten Barriques ohne Auffüllen ausgebaut wurde. Das Ergebnis ist ein Wein, der mit seiner Würze und komplexen Aromatik überrascht – sicherlich nichts für den weichgespülten Zeitgeist-Geschmack. Konsequent ist es dann auch, sich mit alten und aus der Mode gekommenen Rebsorten wie Aramon zu beschäftigen, den Yves in diesem Jahr zum ersten Mal produzieren wird.

Die perfekte Inkarnation von Eigenständigkeit und Authentizität folgte in Person von Jean-Francois Coutelou in der Nähe von Bezieres. Jeff ist einer der Protagonisten des vin naturel – lange bevor es in den letzten Jahren Mode wurde, setzte er sich mit seiner Vision des naturbeseelten Weines auseinander. Nichts ist dabei heilig – Dogmatiker sollten einen weiten Bogen um sein Weingut machen. Die Weinberge werden organisch bewirtschaftet; einige Parzellen sind im gemischten Satz bepflanzt um eine bessere Resistenz gegenüber Krankheiten sowie eine verbesserte Blüte zu erreichen. Unkonventionell geht es auch im Keller weiter: neben dem fast vollständigen Verzicht auf SO2 entstehen aus dem Blending von ca. 20 verschiedenen Rebsorten sowie verschiedenen Jahrgängen und Lagen ungewöhnliche und zugleich faszinierende Weine. Höhepunkt dieser Entdeckungreise im Mas Coutelou war das Tasting zum Teil Jahrzehnte alter Weine, die in verschiedenen Soleras ihrem Höhepunkt entgegen schlummerten. Wer vermutet solche vinophilen Schätze im tiefsten Süden Frankreichs?

Die Geschichte der Domaine du Gravillas in St-Jean Minervois beginnt 1996, als der US-Amerikaner John Bojanowski die Önologin Nicole trifft, sich verliebt und seinen IT-Job an den Nagel hängt um anschließend gemeinsam das Weingut aufzubauen. Kern des Weingutes bildeten einige über 100 Jahre alte Carignan-Parzellen; in den letzten 15 Jahren wurde die Anbaufläche stetig erweitert so das mittlerweile 15 Rebsorten kultiviert werden. Eines der Aushängerschilder von Nicole und John ist der weiße L´Inattendu 2011 von alten Grenache blanc Reben: ein Wein der sich mit seinen messerscharfen Präzision, Finesse und mineralischer Salzigkeit wohltuend von den vielen vordergründigen und fruchtig-belanglosen Weinen abhebt.

Mas des Dames in der Côteaux du Languedoc bildete den Schlusspunkt unserer Reise. Die Holländerin Lidewij van Wilgen erwarb die Domaine 2002 an der Rückseite einer Bergflanke außerhalb von Murviel-les-Bèziers und restaurierte diese mit anfänglichen Schwierigkeiten in den nachfolgenden Jahren. Die 22 Parzellen sind eingebettet in eine Biosphäre mit Garrigue-Sträuchern, Zypressen und Kräutern, welche als natürliche Barriere gegenüber Schädlingen wirken. Durch eine drastische Reduzierung der Erträge, die Umstellung auf organischen Anbau, Investitionen Im Keller und State-of-the-art Winemaking gelang es Lidewij innerhalb kurzer Zeit, sich mit ihren Weinen an die Spitze der Côteaux zu katapultieren.

Der Süden lebt – und ist so spannend wie nie zuvor. Die besuchten Winzer stehen stellvertretend für eine Vielzahl an dynamischen Winzern in einem der schönsten Flecken Europas. Es ist noch ein langer und steiniger Weg in diesem Restrukturierungsprozeß einer ganzen Region. Die täglich wachsende Zahl an charaktervollen und authentischen Value-Weinen nährt jedoch die Überzeugung, das sich eines Tages das Languedoc-Roussillon neben den BBC´s im Olymp des Weines wiederfindet.

Das After Work Tasting am 10.01.14 in der LA VINOTHEQUE in Freiberg widmet sich dem Languedoc-Roussillon und präsentiert eine Auswahl der beschriebenen Winzer. Anmeldung dafür per Mail unter info@la-vinotheque.de oder telefonisch unter 03731 23013.

Mas de Daumas Gassac 1985

Der Klassiker aus dem Langeudoc in bestechender Form: Dichtes Rubin mit ziegelbraunen Nuancen / komplex – zunächst intensive Würze, dann ein von Pilznoten geprägtes Zwischenstadium, danach konzentrierte schwarze Frucht und Teearomen und zum Schluss ein Mix aus ätherischen, herbalen  und Tabaknoten / strukturiert / feinkörniges Tannin / elegant / exzellente Frische / gute Länge / hält noch / bis 2017 / 18,0

Daumas Gassac 2 daumas gassac

Les Hauts de Forca-Réal 2008, Roussillon

Flagschiffwein der Domaine Forca-Réal in der Nähe von Millas. Die Weinberge erstrecken sich an den Hängen des gleichnamigen Berges mit einer ehemaligen Einsiedelei. Die Parzellen für den Les Hauts befinden sich auf 400 m Höhe mit Schieferböden. Im Blend überwiegend Syrah sowie etwas Mourvedre – der Ertrag beläuft sich auf 25 hl/ ha. Klassisches Winemaking mit Ausbau in Barriques über 24 Monate. Konzentrierte Nase / Schwarzkirsche / Olive / floral-kräutrige Noten / Würze / voller Körper / extraktreich / maskulin / kernig / besitzt Struktur / Alk. 14,5 % Vol. / saftige Frucht / noch in Balance / adstringierendes Finish / kann reifen / bis 2016 / 16,0 P.