Schlagwort-Archiv: Österreich

IN THE SIGN OF SUBLETY – THE TALENTS OF PINOT BLANC

Im Schatten des großen Bruders Pinot Noir hat Pinot Blanc (Weißburgunder) in den letzten zwei Dekaden still und heimlich an seiner Reputation gefeilt. Dabei sind streng genommen die beiden Rebsorten keine Geschwister sondern ein und dieselbe Rebsorte. Verantwortlich für die Entstehung von Pinot Blanc ist ein DNA-Unfall, bei dem das für die Bildung von Farbstoffen in der Beerenhaut verantwortliche Gen (MybA1) inaktiviert wurde. So entstand aus Pinot Noir eine weiße Mutation.

Die steigende Beliebtheit am Markt spiegelt sich in den deutschen Weinbergen wieder – seit 1995 hat Weißburgunder mit rd. 2.600 ha deutlich an Rebfläche zugelegt und belegt mittlerweile den 5. Platz bei den weißen Rebsorten (Quelle DWI). Feine Frucht, weiche Textur und sensorisch moderatere Säure im Vergleich zum Riesling haben zu seinem Höhenflug beigetragen. Aber Weißburgunder kann wesentlich mehr. In Toplagen und Topjahren schafft er es in fast ungeahnte Höhen aufzusteigen – natürlich in Abhängigkeit von Intension und Fähigkeit des Produzenten. Ein von David Schildknecht geführtes Tasting unter dem Titel “In the Sign of Sublety – Revealing the Talents of Pinot Blanc” während der VieVinum in Wien stellte dies mit einem Querschnitt österreichischer Weißburgunder eindrücklich unter Beweis. Im Reigen von zwanzig Weinen waren Einige zum Niederknien. Stilistisch lagen dabei erwartungsgemäß die Weine je nach Herkunft und Philosophie weit auseinander. Ich bevorzuge vor allem die Weine, die zu einem schlankeren Stil tendieren und die Energie und Finesse des weißen Burgunders herauskitzeln. Kommen die Weine von kalkhaltigen Böden, verbinden sie diese Eigenschaften mit Struktur und einer fast salzigen Mineralität. Ältere Weine aus den 80- und 90iger Jahren stellten unter Beweis, dass Weißburgunder durchaus in der Flasche hält. Mich überzeugten eher die jüngeren Weine, die mit ihrem subtilen aber komplexen Aromenspiel an die Leichtigkeit des Farbenspiels der großen französischen Impressionisten erinnern. Meine Top Drei reflektierten unterschiedliche Regionen Österreichs und zeigen die Fähigkeit dieser Rebsorte, unter verschiedenen Bedingungen charaktervolle und eigenständige Weine zu hervorzubringen. Auf den ersten Platz setzte sich dabei der strukturierte Leithaberg 2007 von Prieler – ein Wein, der sich im Schneckentempo entwickelt und sicher manche hochdekorierte Burgunder im direkten Vergleich blaß aussehen lässt (17,5 P.). Knapp dahinter der Steinbach 2013 von Lackner-Tinnacher aus der Südsteiermark und der „Wein vom Stein“ 2007 von Neumayer aus dem verschlafenen Traisental ( beide 17,0+ P.). Ersterer zeigt die filigrane Handschrift von Katharina Tinnacher, die mit diesem Wein zeigt, dass sie nicht nur für Sauvignon Blanc ein wahnsinniges Gespür hat. Der Stein-Wein von Neumayer setzte den Kontrapunkt dazu: kompakt, kraftvoll und trotzdem mit viel Balance und Finesse.

Katharina Tinnacher, Weingut Lackner-Tinnacher

Katharina Tinnacher, Weingut Lackner-Tinnacher

Die Weine in der Einzelkritik

Neumeister, Steirische Klassik 2015 – pure / perfect ripe fruit / floral / creamy texture / medium body / moderate acid / fruit driven uncomplicted style / 14,5

Neumeister, Klausen 2015 – slightly reductive / subtle spiciness / balanced / good energy / medium length / 15,5

Herist, Rechnitzer WB 2012 – developed nose / rich / creamy / warm alcohol / lacks freshness but shows grip and structure / nutty finish / 15,0-

Lackner-Tinnacher, Steinbach 2013 MG – restrained / primary stage / floral / medium body / velvety / very good freshness / precise / long / 17,0+

Lackner-Tinnacher, Steinbach 1983 MG – medium golden yellow / candied fruit / slightly firn / lean / soft / off-dry / still luscious fruit / amazing for this age / 15,5

Heinrich, Salzberg 2012 – ripe fruit / apricot / rich / lot of extract / high yet balanced alcohol / moderate acid / slightly nutty finish / 15,5+

Tinhof, Golden Erd 2012 – floral / stony notes / medium body / mineral / good grip and focus / medium length / 16,0

Prieler, Seeberg 2007 – developed nose / floral nuances / soft / supple / feminin style / shows finesse / nutty finish / 16,0

Prieler, Leithaberg 2007 – pure / focused nose / rich / crisp acid / lot of depth / potential for at least further 10 years / long / great expression of Pinot Blanc / 17,5

Christ, Der Vollmondwein 2004 – rich nose / exotic touch / creamy / underlying crisp acid / medium length / 15,5

Ehmoser, WB 2014 – fruit driven style / clean / uncomplicated / lean body / fresh finish / 14,5

Stadlmann, Höfen 2012 – ripe fruit / apricot / ripe melon / rich / warm alcohol / moderate acid / warm finish / 15,0-

Stadlmann, Höfen 2006 – developed nose / vegetal notes / shows certain richness / moderate acid / lacks a bit energy / good length / 15,0

Neumayer, Der Wein vom Stein 2007 MG – restrained / subtle / flinty-stony notes / crisp acid / very good depth, balance and precision / long / 17,0+

Neumayer, Der Wein vom Stein 1988 MG – fully ripe / oxydative notes / shows still some extract / dominating acid / medium long nutty finish / 15,0-

Geyerhof, Zasen 2004 – vegetal-spicy nose / much better on the palate than on the nose / crisp / creamy texture / shows good balance and length / 16,0

Hirtzberger, Steinporz 2001 – pure / focused / rich / high alcohol / moderate acid / lacks a bit energy and freshness / warm finish / 15,0

Hirtzberger, Steinporz 1995 – complex nose / rich / velvety / very good substance and balance / much better than 2001 / 16,5+

Hiedler, Spiegel 1992 – funky / firn / lean / pronounced acid / menthol / over the peak / NR

Hiedler, Schenkenbichl 1992 – rich nose / creamy / off-dry / luscious / good balance / 15,5

Weine mit Kopf

Hinter den sieben Bergen liegt das kleine Südburgenland. Die wenigsten Besucher des Burgenlandes schaffen es bis hierher. Nicht nur des langen Weges wegen; die oft fast übermächtige mediale Präsenz der größeren Nachbarn lässt kaum Platz für eine nachhaltige Wahrnehmung. Und lässt Spielraum für Entdeckungen. Eine davon ist Thomas Kopfensteiner.

Blaufränkisch Visionär: Thomas Kopfensteiner

Blaufränkisch Visionär: Thomas Kopfensteiner

Fünfzehn Hektar beschäftigt das Familienweingut, acht Hektar liegen am historisch bedeutenden Eisenberg, der direkt im Grenzgebiet zu Ungarn liegt. Paradelagen sind Szapary, Saybritz und Reihburg, unterschiedlich in der Höhe und Zusammensetzung der Böden. In beeindruckender Weise gelingt es Thomas, den unterschiedlichen Charakter der Lagen herauszuarbeiten und die zahlreichen Facetten der Leitsorte Blaufränkisch zu zeigen. Gemeinsam ist allen Weinen ein hohes Mass an Frische, Eleganz und Finesse – Attribute, die man leider (noch) immer noch zu wenig im zeitgenössischen Blaufränkisch sieht. Deutlich zu sehen ist die Entwicklung, welche die Kopfensteiner Weine in den letzten Jahren genommen haben. Weniger Holz, dafür mehr Spannung und Ausdruckskraft sind deutlich wahrnehmbar und gipfeln in der 2012er Kollektion, die künftig die Benchmark für Thomas sein wird. Gewinner des Lagentrios am Eisenberg ist in diesem Jahrgang für mich der Blaufränkisch Saybritz, der sich ohne Übertreibung zum absoluten internationalen Spitzensegment zählen darf.

Faszinierender Eisenberg

Faszinierender Eisenberg

Quo vadis Südsteiermark?

Die Südsteiermark war für mich der letzte weiße Fleck in Österreichs Weinwelt. Längst überfällig war daher ein Trip in den Süden unseres Nachbarlandes. Letzte Woche war es endlich soweit. Bei rekordverdächtigen sommerlichen Temperaturen erkundete ich mit einigen Weinfreunden Land, Leute und Weine und wir versuchten für uns zu klären, wofür die Südsteiermark heute stilistisch steht. Deutlich zeigte sich, dass spätestens mit dem Generationswechsel in den STK-Betrieben (STK – Steirische Terroir und Klassik Weingüter) ein neues Kapitel in der Südsteiermark aufgeschlagen wurde und der Fokus klar auf der Herausarbeitung gebiets- und lagenspezifischer Charakteristiken liegt.

High Energy

High Energy

Basis dieser Profilierung ist die mit dem VDP-Modell vergleichbare vierstufige Klassifikation, an deren Spitze die Erste STK Lage und Große STK Lage stehen. Im Mittelpunkt dieser Identitätsschärfung stehen dabei vorallem Sauvignon Blanc und Chardonnay (Morillon). Eine vergleichende Probe steirischer Chardonnays (u.a. Polz, Gross, Tement, Sattler, E. Sabathi) mit internationalen Weinen zeigte deutlich, dass sich qualitativ viele Weine ohne weiteres mit der internationalen Spitze messen können. Deutlich kam allerdings auch heraus, dass zumindest bei Chardonnay eine steirische Gebietstypizität nicht ohne weiteres erkennbar ist. Zu weit lagen Philosophien und deren stilistische Umsetzung im Keller bei den beteiligten Winzern auseinander. Die extreme Heterogenität der Böden und kleinklimatischen Bedingungen in der Südsteiermark unterstreicht zusätzlich diese Herkulesaufgabe, einheitliche Merkmale übergreifend für alle Weinen zu finden. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum bisher keine DAC für die Südsteiermark existiert.

Perfektionist: Erwin Sabathi

Perfektionist: Erwin Sabathi

Auch an der Spitze der Qualitätspyramide ist sicherlich ein weiterer Abgrenzungsprozess erforderlich. Nicht in jedem Fall waren bei den probierten Weinen die qualitativen Unterschiede zwischen Erster STK Lage und Großer STK Lage ersichtlich oder ein Lagencharakter klar erkennbar. Die Kriterien für eine Einstufung in die beiden Top Kategorien sind teilweise zu ungenau und erfordern eine Feinjustierung. Letztendlich ist es notwendig, für jede Einzellage Eigenschaften zu definieren, die sich qualitativ und sensorisch unverkennbar im Wein wiederspiegeln. Insofern ist genug Entwicklungspotential für die Zukunft gegeben. Ich bin mir sicher, dass sicherlich nicht lange entsprechende Ergebnisse auf sich warten lassen, wenn man sich die Motivation und Dynamik in den führenden Betrieben anschaut. Mein Fazit dieses einwöchigen Trips: eine Menge toller Weine, super Gespräche mit Winzern, die “Wein leben” und dazu die Erkenntnis, dass die Südsteiermark das Zeug hat, ganz oben mitzumischen.

Authentisch: Katharina Tinnacher

Authentisch: Katharina Tinnacher

Nigl, Riesling Privat 2005, Kremstal

Eine der Top-Adressen im Kremstal. Mit Privat werden die Flaggschiff-Weine des Weingutes bezeichnet. Im Glas zunächst verhalten / Reifetöne / gewinnt nach 1/2 h deutlich an Fahrt / Steinobst / Citrus / nach 1 h sind die anfänglichen Alterungsnoten fast verschwunden / kraftvoller Körper / präzise / fast stahlig / Alk. 13,5 % / sehr gut strukturiert / lang / gute Frische / Struktur-Wein/ jetzt bis 2016 / 17,5+

Tasting Notes der letzten Woche

Pierre-Yves Colin-Morey, St-Aubin 1er Cru En Remilly 2005 – einer der neuen Stars am Weißweinhimmel in Burgund: fokusiert / präzise / sehr gute Balance / auf dem Höhepunkt / gute Länge / jetzt – 2015 / 17,0.  Marc Kreydenweiss, Riesling Grand Cru Wiebelsberg 2005, Alsace: komplex / tiefgründig / großartige Struktur / lang / fine / so sollte ein GC aus dem Alsace sein! / jetzt – 2017 / 18,0.  FX Pichler, Grüner Veltliner “M” 2002, Wachau: stoffig / massiv / oppulent / viel Extrakt / fehlende Eleganz und Frische / vom Alkohol getragenes Finale / enttäuscht / jetzt – 2012 / 15,5.  Marquis d´Angerville, Volnay 1er Cru Champans 2002: zunächst Leimnoten / verfliegen später etwas, aber bleiben immer im Hintergrund / eindimensional / wenig Substanz / sperrig / rustikal / Flasche? / jetzt / 14,0.  Taylor´s, Vintage Port 1985: voll entwickelt / facettenreich / gute Struktur und Länge / überzeugt, wenn auch der ewige “Rivale” Fonseca aus dem gleichen Haus in diesem Jahr die Nase vorn hat / jetzt bis 2020 / 17,0.  Domaine de Chevalier blanc 2006, Péssac-Léognan: pure / Grapefruit / cremige Noten /  perfekt eingebundenes Holz / seidige Textur / viel Finesse / lang / großes Potential / jetzt – 2030 / 18,0+.  Clos Mogador 2002, Priorat: Kontrovers diskutierter Wein / etwas flüchtige Säure / Amarena / stoffig / hoher Alkohol 14,5 % Vol. / massives Tannin / maskulin / mittlere Länge / jetzt – 2015 / 15,0.  Château Grand-Puy Lacoste 2002, Pauillac: entwickelte Nase / Tabak / Graphit / fast schlanker Körper / ausgewogen / gute Frische / überzeugt für den nicht ganz einfachen Jahrgang / jetzt bis 2020 / 16,5.  Lisini, Ugolaia 1990, Brunello di Montalcino: voll ausgereift / fein akzentuierte Nase / blättrige Noten / Tabak / “Altersüsse” / drahtige Struktur / feinkörniges Tannin / stilvoll / balanciert / jetzt – 2014 / 17,5+.