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RIESLING GG 2015

Was wurde nicht in den letzten Monaten über die 2015er Weine debattiert – das Spannungsfeld der Diskussion bewegte sich vom Ausnahmejahr bis hin zum befürchteten UTA-Jahrgang (UTA – untypische Alterungsnote, bedingt durch Stress im Weinberg) mit begrenztem Reifepotential. Fakt ist, dass es ein heisses Jahr war – vorallem in Sommer gab es eine lange Periode mit Rekordtemperaturen. Klar gab es kaum Regen im Sommer – auf der anderen Seite war die Wasserversorgung der Reben durch die reichlichen Winterniederschläge nicht so schlecht. Insbesondere die besten Lagen mit guten Speicherpotential sowie Weinberge mit älteren Reben kamen gut durch diese Periode. Nach einer kurzen – argwöhnisch betrachteten – Regenperiode Anfang September gab es im Herbst traumhaftes Lesewetter. Kühle Nachtemperaturen sorgten im Herbst für ein komplexes Aromenpotential und stabile Säurewerte. Die Reife der Trauben war in 2015 in der Regel kein Problem – eher statt später ist der Schlüssel zu den Top-Qualitäten, vorallem im weißen Spektrum. Gewonnen haben die Winzer, welche die Intensität und das hohe Aromapotential mit Frische und Energie verbunden haben. Genau das zeichnet die besten Weine des Jahrgangs aus. Wer zu lange wartete, produzierte Weine, die zwar dicht und intensiv aber auch behäbig und schwerfällig sind. Der Korridor war eng, nur wenige Tage machten am Ende den Unterschied zwischen top, nur gut oder gefällig.

Die vom VDP bestens organisierte Vorpremiere der Großen Gewächse (GG) in der letzten Woche in Wiesbaden gab in diesem Kontext einen perfekten Überblick. Rund 430 Weine aus 2015 standen zur Verkostung bereit, wobei naturgemäß Riesling den Schwerpunkt abbildete. Riesling ist für mich auch klar der Gewinner der beschriebenen Wetterbedingungen. Rebsorten wie Silvaner oder Weißburgunder sind deutlich heterogener und in der Spitze nicht so dicht besetzt. Riesling im Focus ist es für mich nach diesen beiden Tagen in Wiesbaden ganz klar ein tolles und ausdrucksstarkes Jahr. Viele Weine zeigten dabei auch eine deutliche Lagencharakteristik, die ja eine wesentliches Qalitätskriterium der VDP.Große Lage-Weine ist.

Meine Favoriten sind wirklich schwer zu benennen und kommen aus allen Gebieten. Ganz weit oben Rothenpfad von Kühling-Gillot, Steinberg vom Gut Hermannsberg, Hermannshöhle von Dönnhoff, Frauenberg von Battenfeld-Spanier, Kirchspiel von Wittmann, Gräfenberg von Weil, Berg Rottland von Leitz, Himmelreich von Dr. Loosen und viele weitere. Ausführliche Verkostungsnotizen folgen in den nächsten Tagen.

Peter-Jakob Kühn, Riesling Kühn “R” 2006

Polarisierender Wein / zum Teil auf der Maische vergoren / Spontanvergärung / langer Ausbau im großen Holz / Mittleres Goldgelb / zunächst sehr rauchige – mineralisch – würzige Nase / später balsamische Noten, Bitterorange / komplex / kompakt / viel Schmelz, Fülle und Grip / Alk. 13,0 / erfrische Säure / langes, mineralisches Finale / nichts für Fruchtbomben-Trinker / jetzt bis 2014 / 16,5+.

Riesling 2007

Der Jahrgang 2007 wurde seinerzeit als Spitzenjahrgang in Deutschland gefeiert – Grund genug, ihn nach knapp 3 Jahren mal wieder etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Zum Auftakt zwei Weine von Battenfeld-Spanier und Dönnhoff. Battenfeld-Spanier, Riesling Mölsheim trocken 2007, Rheinhessen: Mittleres Goldgelb / Entwickeltes Bouquet / Kandierte Früchte / würziger Touch /  guter Extrakt / cremig/ etwas breit / mittlere Länge / wirkt bereits sehr gereift / auf dem Höhepunkt / Flasche? / jetzt bis 2012 / 15,5.   Dönnhoff, Riesling Felsenberg trocken 2007, Nahe: Mittleres Strohgelb / sehr klare, reintönige Nase / leicht entwickelt / Citrus / Grapefruit / fast schlank / sehr frischer Eindruck / präzise / elegant / saftige Frucht / gute Länge / besitzt weiteres Potential / jetzt bis 2015 / 16,5+.

Im Zeichen des Riesling

Ganz im Zeichen des Riesling stand eine Tour durch die Pfalz, Rheinhessen und den Rheingau gemeinsam mit Helmut Klingler, Gerhard Mayr, Journalist bei WeinPur (Österreich)  und Bernhard Kammerlander, Gastronom in Wörgl. Auftakt beim Traditionsgut Dr. Bürklin Wolf, Wachenheim. Zum Empfang eine Spätlese Ruppertsberger Hoheburg 1971: Kandierte Früchte / Marzipan / kraftvoll / am Gaumen viel Würze /  deutliche Säure / balanciert / vital / gute Länge / 16,5. Danach ein Querschnitt der Jahrgänge 08 und 09 sowie einige ältere Weine. Bürklin-Wolf stellte vor einigen Jahren auf biodynamischen Anbau um – die Ergebnisse der beiden letzten Jahrgänge bestätigen den Aufwärtstrend, der mit dieser Umstellung zusammenhängen könnte. Die Weine zeigen ausgeprägte Mineralität, zur Fülle und Intensität der früheren Jahrgänge paart sich jetzt mehr Präzision und Ausgewogenheit. Herausragend aus den 08er Großen Gewächsen der Pechstein G.C. – feste Struktur / extraktreich / mineralisch / salzig / Würze / lang / bis 2020 / 17,5. Auch die 09er Premier Crus überzeugen, z. Bsp. der Wachenheimer Gerümpel: gelbe Früchte / Pfirsich / kräftiges Rückgrat / präzise / kräftige, balancierte Säure / mittlere Länge / bis 2018 / 16,5+.

Tasting mit Steffen Brahner, Geschäftsführer Dr. Bürklin-Wolf

Zweiter Termin bei Hansjörg Rebholz, Siebeldingen. Seit Jahren eine sichere Bank für charaktervolle Weine, die in den letzten Jahrgängen noch kompromissloser und strukturierter ausgefallen sind und bewußt auch Ecken und Kanten haben dürfen. Nach einer ausführlichen Tour durch alle Lagen des Weingutes ein Überblick über den aktuellen Jahrgang 2009. Durchweg haben alle Weine überzeugt – vom Einstiegswein NatUrSprung bis hin zu den großen Gewächsen. Toll wie bei den Weinen der jeweilige Boden oder Lagencharakter herausgearbeitet wurde, z. Bsp. bei der Riesling “S” Range vom Buntsandstein, Muschelkalk und Rotliegenden. Am meisten polarisierte das Große Gewächs Riesling Ganz Horn – der radikalste Wein der gesamten Probe: sehr klare Nase / reife Frucht / stahlige Struktur / mineralisch / salzig / puristisch / lang / großes Potential / bis 2025 / 18,0+.

Querdenker und Visionär: Hansjörg Rebholz

Im Tasting Room von Rebholz

Nächster Termin mit VdP-Präsident Steffen Christmann in Gimmeldingen. Wie bei den beiden vorherigen Betrieben werden die Weinberge biodynamisch bewirtschaftet. Stilistisch in 09 eher elegant statt pure Power, dazu besitzen die besten Weine viel Tiefe und kristallklare Frucht. Mein Highlight an diesem Tag: der Riesling Königsbacher Ölberg von Löß/ Kalksteinböden. “Kühle” Nase / saftige Frucht / viel Schmelz / mineralisches Rückgrat / hervorragende Balance / gute Länge / fast schon ein Großes Gewächs / sehr guter Value-Wein / bis 2018 / 17,0+.

VdP-Präsident Steffen Christmann

Paradelage Königsbacher Idig

Letzter Pfalz-Termin bei Köhler-Rupprecht in Kallstadt. Eine der traditionellen Hochburgen in ganz Deutschland Wer Frucht, Schmelz und Seidigkeit sucht, ist hier fehl am Platz. Struktur, Struktur, Struktur – das ist der Stil der Weine. Eigenwillig, unberechenbar, in jungen Jahren schwer zu verstehen, fast abweisend. Hier ist Geduld angesagt – schwierig in unser Tempo-Epoche. Paradelage ist der Kallstädter Saumagen mit Kalksteinböden und Südlage. Nach einer Maischestandzeit von 12-18 h werden die Weine spontan im großen Holz vergoren – manchmal bis in den Sommer hinein. Wir probierten einen Querschnitt der Jahrgänge 06 bis 08. Grandios werden könnte die trockene Saumagen Auslese “R” 07: floral-kräutrige Aromatik / gelbe Früchte / kräftiger Körper / dicht / fest / viel Mineralität und Würze / extraktreich / fast schmerzhaft bei soviel Struktur / anhaltend / ab frühestens 2015 – 2030 / 17,0++.

Im Keller von Koehler-Rupprecht - hier ticken die Uhren noch anders...

Danach ging´s weiter nach Rheinhessen zu Wittmann mit der Gelegenheit zum zweiten Mal innerhalb von kurzer Zeit die gesamte 09er Palette zu verkosten. Der erste hervorragende Eindruck vom Juni wurde bestätigt und zum Teil übertroffen – erstaunlich, was 4 Wochen Reife ausmachen können. Wiederum grandios Kirchspiel Großes Gewächs, der für mich mit seiner präzisen und eleganten Struktur einer der Weine des 09er Jahrgangs ist (18,0).

Qualitätsfanatiker Philipp Wittmann

Sorgt für Glücksgefühle: Riesling Kirchspiel 09 von Wittmann

Abschluß der Tour im Rheingau bei Peter-Jakob Kühn. Ebenfalls sehr überzeugende 09er Weine – kristalline, fast durchscheinende Weine mit Substanz und animierender Frucht. Meine Favoriten Riesling Quarzit und Riesling Spätlese Lenchen: expressive Nase / Pfirsich / seidige Textur / schmelzig / viel Finesse / sinnlich / bis 2020 / 17,0.

Fazit unserer Tour: an anderen Dingen sparen und viele 09er Weine kaufen. Es lohnt sich – man kann schon – zumindest vorsichtig – von einem großen Jahrgang sprechen.